Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Gegenwartsliteratur | Coming-of-Age-Roman

Worum es wirklich geht

Ida sitzt am Bahnhof und weiss nicht wohin. Ihre Mutter ist tot, Tabletten, Alkohol, das Übliche. Im Koffer ihrer Mutter liegen ein paar Kleider und ihr MacBook. Mehr braucht sie nicht, sagt sie sich. Mehr hat sie auch nicht.

Sie landet auf Rügen, ohne Plan, nur mit Wut und Schuldgefühlen im Gepäck. Dort kippt sie um, buchstäblich, und ein Mann namens Knut nimmt sie bei sich auf. In einem Zimmer, das noch den Namen einer anderen Frau trägt.

Knut hat seine eigenen Probleme. Seine Frau Marianne ist todkrank. Und dann ist da noch Leif, der genauso verloren wirkt wie Ida selbst.

Was wie eine Fluchtgeschichte beginnt, wird zu etwas anderem. Ida wollte weglaufen. Am Ende muss sie sich stellen.

Die zentralen Gedanken

Caroline Wahl kennt sich aus mit kaputten Familien. Schon in 22 Bahnen ging es um Tildas jüngere Schwester Ida, die mit einer alkoholkranken Mutter aufwächst. Jetzt bekommt Ida ihre eigene Geschichte, und die ist noch roher als die ihrer Schwester.

Was mich an diesem Buch packt, ist die Ehrlichkeit im Umgang mit Schuld. Ida war nicht da, als ihre Mutter starb. Sie war in Prag, mit einer Freundin, hat gelebt. Dieses Gefühl, gelebt zu haben, während jemand anderes stirbt, kriegt man nicht so einfach weg. Wahl lässt Ida damit ringen, ohne es aufzulösen.

Rügen ist mehr als Kulisse. Die Insel, das Meer, der Sturm im Titel, das alles spiegelt, was in Ida vorgeht. Aussen ruhig, innen Windstärke 17. Ich mag es, wenn ein Ort eine Figur erklärt, ohne dass ein Wort darüber verloren wird.

Und dann ist da Marianne, die stirbt, während Ida noch mit dem Tod ihrer Mutter kämpft. Zwei Sterbeprozesse, die sich kreuzen. Das hätte kitschig werden können. Ist es aber nicht, weil Wahl ihre Figuren nicht schont.

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer 22 Bahnen mochte und eine reine Fortsetzung mit denselben Figuren erwartet, wird enttäuscht. Tilda taucht kaum auf. Wer ausserdem nichts mit Trauer, Sucht und langsamen Heilungsprozessen anfangen kann, sollte die Finger davon lassen. Alle anderen: Packt das Buch ein, bevor ihr das nächste Mal ans Meer fahrt.

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