Als Grossmutter im Regen tanzte von Trude Teige
Genre: Historischer Roman | Familienroman
Worum es wirklich geht
Eine kleine Insel vor der norwegischen Küste. Ein leeres Haus, das den Grosseltern gehörte. Juni räumt auf, weil man das eben tut, wenn niemand mehr da ist. In einer Schublade liegt ein Foto. Ihre Grossmutter Tekla, jung, lachend. Neben ihr ein Mann in deutscher Uniform.
Ab da ist das Aufräumen vorbei.
Juni fängt an zu graben, und was sie findet, ist keine kleine Familienanekdote. Tekla hat sich während der deutschen Besatzung in Otto verliebt. Für die Nachbarn war sie damit eine von denen, über die man später nicht mehr sprach. 1945 verlässt sie Norwegen mit ihm, und die Spur führt nach Deutschland, in eine kleine Stadt in Vorpommern namens Demmin. Wer weiss, was dort im Mai 1945 passiert ist, ahnt schon, dass die Geschichte nicht freundlicher wird.
Dazwischen liegt Lilla, Junis Mutter. Die Generation, die nichts erklärt bekam und trotzdem alles abbekam. Trinkende Mutter, wortkarge Kindheit, ein Erbe, das niemand jemals ausgesprochen hat.
Drei Frauen, drei Zeitebenen, und ein Schweigen, das sich durch alle drei zieht wie ein Riss durch die Wand. Teige erzählt das ruhig und ohne Effekthascherei. Genau das macht es so schwer auszuhalten.
Und Juni selbst kommt nicht zufällig auf diese Insel zurück. Sie ist vor etwas weggelaufen. Das erfährt man erst spät.
Die zentralen Gedanken
Mich hat vor allem eine Frage nicht mehr losgelassen: Was passiert eigentlich mit einer Geschichte, die niemand erzählt? Sie verschwindet ja nicht. Sie sucht sich einen anderen Weg. Sie kommt als Alkoholismus zurück, als Kälte zwischen Mutter und Tochter, als das Gefühl, in der eigenen Familie nie ganz dazuzugehören.
Das Buch macht deutlich, wie billig unsere moralische Sicherheit im Nachhinein ist. Tekla war neunzehn. Sie hat sich verliebt. Sie hat keine politische Entscheidung getroffen, sondern eine menschliche. Bestraft wurde sie trotzdem, und zwar von ihrem eigenen Dorf, nicht von einem Gericht. Die norwegische Nachkriegsgesellschaft hat mit diesen Frauen etwas gemacht, worüber Jahrzehnte kaum jemand reden wollte. Teige tut es, und sie tut es ohne erhobenen Zeigefinger.
Dann Demmin. Ich kannte diese Geschichte vorher nur am Rande, und ich musste beim Lesen mehrfach aufhören. Dass ein ganzer Ort im Mai 1945 kollektiv in den Fluss geht, Eltern mit ihren Kindern, ist eine Dimension von Verzweiflung, die man nicht wirklich fassen kann. Teige bettet das in eine Familiengeschichte ein, statt es als historisches Grossereignis abzuhandeln. Das funktioniert besser, als ich erwartet hätte.
Was mich weniger überzeugt hat: Die Gegenwartsebene mit Juni bleibt schwächer als die Vergangenheit. Ihre eigene Beziehungsgeschichte wirkt teilweise wie ein Vehikel, damit es überhaupt eine Rahmenhandlung gibt. Wenn Tekla erzählt, ist das Buch stark. Wenn Juni grübelt, wird es manchmal zäh.
Trotzdem bleibt am Ende ein Gedanke hängen, der grösser ist als der Roman: Familien geben nicht nur Augenfarben weiter. Sie geben auch weiter, worüber sie schweigen.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Wer historische Romane mit klarer Schuldverteilung mag, wird hier unzufrieden sein. Teige lässt niemanden komplett vom Haken, aber sie verurteilt auch niemanden. Wer bei Themen wie Suizid, sexualisierter Gewalt und Alkoholismus lieber einen Bogen macht, sollte das Buch ebenfalls liegen lassen, denn es wird konkret. Und wer Tempo braucht, wird sich in der Gegenwartsebene langweilen.
Alle anderen: lesen. Und danach die eigene Grossmutter anrufen, solange das noch geht.
Übrigens: Das hier ist erst Band eins. Der nächste Teil der Reihe steht bei mir schon bereit, und der Blogeintrag dazu folgt bald.
