Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden – von Genki Kawamura
Genre: Magischer Realismus | Zeitgenössische Belletristik | Philosophischer Roman | Fantasy
„Was würdest du aufgeben, um ein bisschen länger zu leben?"
Worum es wirklich geht
Ein junger Postbote erfährt, dass er nur noch wenige Tage zu leben hat. Kurz darauf taucht ein Teufel auf, sein genaues Ebenbild, und unterbreitet ihm ein Angebot: Ein Tag mehr Leben, wenn dafür eine Sache aus der Welt verschwindet. Für immer. Und er darf wählen, was es sein soll.
Was folgt, ist kein klassischer Kampf gegen den Tod, sondern ein stilles, eindringliches Nachdenken darüber, was das Leben eigentlich ausmacht. Telefone verschwinden. Dann Filme. Dann Uhren. Und mit jeder Sache, die weggeht, kehren Erinnerungen zurück: an die Mutter, an eine vergangene Liebe, an die Katze namens Cabbage, die seine Ex-Freundin zurückgelassen hat. Kawamura erzählt das alles mit einer Leichtigkeit, die unter die Haut geht.
Das Buch ist auf knapp 170 Seiten destilliert, und man merkt das. Keine unnötige Seite, keine verlorene Szene. Jedes Kapitel hinterlässt etwas.
Die zentralen Gedanken
Was mich beim Lesen am meisten beschäftigt hat, ist die eigentliche Frage hinter dem Plot: Wenn du weisst, dass eine Sache für immer verschwindet: Würdest du sie dann anders bewerten? Kawamura stellt diese Frage nicht laut, er flüstert sie. Und genau das macht sie so wirksam.
„Um etwas zu gewinnen, musst du etwas verlieren. Wer weiss, ob das stimmt? Aber vielleicht lohnt es sich, darüber nachzudenken."
Das Buch ist eine Einladung zur Dankbarkeit, nicht die Art, die man sich einreden muss, sondern die, die sich einstellt, wenn man begreift, wie viel eigentlich da ist. Die Beziehung zwischen dem Protagonisten und seiner Katze Cabbage zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und entwickelt sich zu dem vielleicht ehrlichsten Beziehungsbild des ganzen Buches. Nicht dramatisch. Einfach wahr.
Was mich überrascht hat: Der Roman ist trotz der Themen Tod, Verlust und Vergänglichkeit nicht schwer. Er ist traurig, ja. Aber er drückt nicht. Er öffnet eher.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Wer packende Handlung, hohe Spannung oder einen klassischen Erzählbogen erwartet, wird hier schnell ungeduldig: Das Buch lebt von seiner Stille, und wer diese Stille als Leere empfindet, wird damit wenig anfangen können. Auch wer mit japanischer Erzähltradition fremdelt, dem eher indirekten, assoziativen Erzählen, dem bewussten Raum zwischen den Zeilen, wird möglicherweise das Gefühl haben, dass zu wenig passiert. Und wer grundsätzlich nichts mit Katzen anfangen kann und sich auch emotional nicht auf sie einlassen möchte, verpasst einen zentralen emotionalen Kern des Buches. Das klingt simpel, ist es aber nicht.
