Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Queere Literatur | Roman | Gegenwartsroman | Literarische Fiktion

Das geheime Leben des Albert Entwistle von Matt Cain

Genre: Queere Literatur | Roman | Gegenwartsroman

Worum es wirklich geht

Albert Entwistle ist Postbote in der englischen Kleinstadt Toddington. Seit Jahrzehnten trägt er Briefe aus, und zwar mit einer einzigen Priorität: so wenig Kontakt wie möglich. Er kennt die Routen, wann die Menschen schlafen, wann sie nicht da sind. Er plant seinen Tag so, dass niemand mit ihm reden muss. Und er kommt damit durch.

Bis er pensioniert werden soll. Und bis Gracie stirbt. Seine Katze. Der einzige lebende Kontakt, den er sich je erlaubt hat.

Was ihn dann antreibt, ist nicht der Mut, sondern die Erschöpfung vom Verstecken. Albert beschliesst, das Leben zu versuchen. Echte Gespräche, echte Menschen, echte Freundschaften. Und irgendwo in diesem neuen Leben liegt auch die Frage nach George. Seiner Jugendliebe. Einem Mann, den er in den 1970er Jahren liebte, als das gesellschaftlich verboten und gefährlich war.

Die zentralen Gedanken

Was dieses Buch so besonders macht, ist, dass es eine Coming-out-Geschichte erzählt, die kein Coming-out im klassischen Sinne mehr ist. Albert ist Ende 60. Er hat sein Leben damit verbracht, sich selbst zu verstecken. Nicht weil er es wollte, sondern weil die Welt um ihn herum dafür keinen Platz hatte.

Matt Cain nimmt den Leser mit in die 1970er Jahre zurück, in eine Zeit, als Homosexualität in England noch gesellschaftlich stigmatisiert und für viele gefährlich war. Das erklärt Albert. Es entschuldigt ihn nicht, weil er keine Entschuldigung braucht, aber es macht begreiflich, warum jemand so wird, wie er es wurde.

Mich hat am stärksten beschäftigt, was passiert, wenn jemand jahrzehntelang gegen die eigene Natur lebt. Albert hat gelernt, sich unsichtbar zu machen. Das ist kein Charakter. Das ist Überlebensstrategie. Und das Buch zeigt eindrücklich, wie viel Mut es kostet, genau das aufzugeben.

Die Nebencharaktere sind liebevoll gezeichnet. Die Freundschaften, die Albert schliesst, wirken nicht aufgesetzt, sondern organisch. Man nimmt ihm ab, dass er trotz allem liebenswürdig ist, auch wenn er das selbst nicht weiss.

Manchmal ist das Mutigste nicht der grosse Schritt nach vorne, sondern das Aufhören damit, immer zurückzuweichen.

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer literarisch anspruchsvolle Sprache oder Spannung erwartet, wird hier enttäuscht. Das Buch ist warm, bewusst einfach gehalten und als Feel-Good-Roman angelegt. Das spürt man auf jeder Seite.

Wer queere Themen grundsätzlich meidet, wird auch hier nicht einsteigen wollen. Die Liebesgeschichte zwischen Albert und George ist der eigentliche Kern des Buches.

Wer es nicht mag, wenn Romane ins Versöhnliche und Schmalzige tendieren, sollte das wissen. Das Ende ist bewusst so gestaltet. Das ist keine Schwäche, das ist gewollt. Aber es ist nicht für alle.

You’ve successfully subscribed to Alexanders Buchblog
Welcome back! You’ve successfully signed in.
Great! You’ve successfully signed up.
Success! Your email is updated.
Your link has expired
Success! Check your email for magic link to sign-in.