Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Historischer Roman | Western | Kriegsroman | Literarischer Roman | Abenteuerfiktion | Queere Literatur

Worum es wirklich geht

Manchmal landet ein Buch auf dem Nachttisch, ohne dass man wirklich weiss, was einen erwartet. Bei "Tage ohne Ende" wusste ich: irischer Autor, amerikanischer Western, viele Preise. Was ich nicht wusste, war, wie sehr mich dieses Buch beschäftigen würde.

Thomas McNulty ist gerade einmal 17 Jahre alt, als er aus dem hungernden Irland der 1840er-Jahre flieht. Der einzige Überlebende seiner Familie. Er schlägt sich durch bis in die USA, trifft dort auf John Cole, und die beiden werden zu einem unzertrennlichen Paar. Nicht nur als Freunde. Auch als Geliebte.

Zunächst verdienen sie sich ihren Lebensunterhalt als Tanzmädchen in einem Saloon für Bergleute. Das klingt seltsam und das ist es auch. Doch es ist stimmig für diese Zeit und für diese beiden. Als die Jugend das nicht mehr hergibt, treten sie der US-Armee bei. Was folgt, sind die Indianerkriege und dann der Bürgerkrieg. Zwischen all dem nehmen die beiden ein junges Mädchen der Sioux auf, Winona, und versuchen so etwas wie eine Familie zu werden.

Die zentralen Gedanken

Was Barry hier macht, ist fast unmöglich. Er lässt einen hartgesottenen Soldaten, der Massaker erlebt und an ihnen teilnimmt, in der Ich-Form erzählen. Und das in einer Sprache, die stellenweise so lyrisch und poetisch ist, dass man vergisst, wie brutal das Erzählte eigentlich ist.

Das ist das eigentliche Kunststück des Buches: Diese Gleichzeitigkeit von Schönheit und Grausamkeit. Thomas schiesst, tötet, überlebt. Und er liebt. Und er beschreibt beides in dieser fast kindlichen, staunenden Sprache, als würde er die Welt zum ersten Mal sehen und gleichzeitig zum letzten Mal beschreiben.

Das Buch macht keine Heldengeschichte aus Thomas und John. Die beiden sind Täter und Opfer zugleich. Sie führen Befehle aus, die wir heute als Verbrechen bezeichnen würden. Barry urteilt nicht. Er erzählt einfach. Das ist unbequem und gleichzeitig notwendig.

Es geht nicht darum, ob Thomas McNulty ein guter Mensch ist. Es geht darum, was ein Mensch tut, wenn die Welt ihm keine andere Wahl lässt.

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer einen schnellen, handlungsorientierten Western erwartet, wird anfangs stolpern. Das Buch hat ein eigenes Tempo. Es hält inne. Es beschreibt die Stille nach einer Schlacht genauso ausführlich wie die Schlacht selbst.

Die Sprache ist ungewöhnlich. Barry schreibt in einer poetischen Direktheit, die im Deutschen manchmal etwas sperrig klingt. Die Übersetzung von Hans-Christian Oeser ist ein Kunstwerk für sich, aber man muss sich auf diesen Rhythmus einlassen wollen.

Wer mit Gewalt, Kriegsgräueln oder der Thematik der Indianerkriege nicht umgehen kann oder möchte, sollte das wissen. Es wird nichts ausgespart und nichts beschönigt.

Und wer erwartet, dass die queere Liebesgeschichte im Vordergrund steht, wird überrascht sein. Sie ist vorhanden, selbstverständlich und zärtlich. Aber sie ist eingebettet in etwas viel Grösseres: in das brutale Werden Amerikas.

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