Die Geschichte des Klangs von Ben Shattuck
Genre: Literarischer Roman | Historischer Roman | Queere Literatur | Lyrische Prosa
Manchmal braucht eine Liebe Jahrzehnte, bis sie endlich gehört werden darf.
Worum es wirklich geht
Ein 84-jähriger Mann namens Lionel öffnet einen Karton, den eine Frau beim Ausräumen ihres neugekauften Hauses auf dem Dachboden gefunden hat. Auf dem Karton steht sein Name. Darin: 25 Wachszylinder für einen Phonographen.
Was diese Walzen enthalten, ist ein Sommer. Ein ganz bestimmter Sommer aus dem Jahr 1919. Und darin steckt David.
Lionel und David haben sich 1916 in einer verrauchten Bar im ländlichen Maine kennengelernt. Beide Musikstudenten. Beide mit einer Leidenschaft für Volkslieder, für Klang, für das, was Töne in einem auslösen können. Bei Lionel ist das besonders ausgeprägt: Er nimmt Töne als Farben wahr, als Geschmäcker, eine Synästhesie, die Shattuck nicht als literarisches Ornament einsetzt, sondern als das Genaueste, was man über Erinnerung sagen kann.
Dann kommt der Erste Weltkrieg und reisst die beiden auseinander. Nach dem Krieg schreibt David einen Brief. Er lädt Lionel ein, einen Sommer mit ihm durch die Wälder New Englands zu ziehen und alte Volkslieder auf Wachszylinder aufzunehmen. Lionel sagt: "Mein Grossvater hat mal gesagt, dass Glück keine Geschichte ist. Darum gibt es über diese ersten Wochen nicht viel zu sagen."
Es sind die glücklichsten zwei Monate seines Lebens. Danach sieht er David nie wieder.
Die zentralen Gedanken
Es gibt einen Satz in diesem Buch, den ich nicht mehr loswerde. Lionel blickt auf sein Leben zurück, auf all die Menschen, die er danach noch geliebt hat. Er zählt sie auf, sieben Namen, und sagt dann: Diese erste Liebe war die Flutwelle. Alles danach nur noch Rinnsale.
Das trifft. Nicht weil es romantisch ist, sondern weil es so ehrlich ist.
Shattuck schreibt kein sentimentales Buch. Er schreibt ein präzises. Die Sprache ist klar, fast karg, und trotzdem entstehen Bilder, die sich festsetzen. Kein Melodrama, keine ausgedeuteten Gefühle. Die Zärtlichkeit zwischen Lionel und David ist selbstverständlich erzählt, ohne Erklärung, ohne historische Entschuldigung. Das ist eine Entscheidung, die das Buch grösser macht.
Der zweite Teil spielt ebenfalls in den 1980er-Jahren. Annie, eine Biologin, findet die Wachszylinder auf dem Dachboden ihres neuen Hauses und hört die Stimmen von damals. Neben ihr: Henry, ihr Partner, dessen Beziehung zu ihr routiniert und distanziert wirkt. Der Kontrast zu Lionel und David ist kein Urteil. Er ist eine Frage. Was macht Liebe aus? Die Dauer oder die Intensität?
104 Seiten. Man liest es in einem Abend. Und dann sitzt man da und weiss, dass das Buch noch nicht aufgehört hat.
Es geht nicht darum, wie lange etwas dauert. Es geht darum, ob es nachhallt.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Wer Handlung will, wird hier wenig finden. Es passiert fast nichts im klassischen Sinn. Es gibt keine Wendungen, keine Auflösungen, keine Erlösung. Nur zwei Geschichten, die sich berühren und dabei etwas über das Leben sagen, das man schwer in Worte fassen kann.
Wer mit sehr langsamer, poetischer Prosa nichts anfangen kann, sollte das wissen. Das Buch braucht Aufmerksamkeit und ein bisschen Stille um sich herum.
Und wer das englische Original kennt oder noch kennenlernen wird: Die deutsche Ausgabe enthält nur zwei der zwölf Kurzgeschichten. Das ist ein verlegerischer Entscheid, den ich persönlich bedauere. Was übersetzt wurde, ist grossartig. Aber es gibt mehr davon.
