Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Literarischer Roman | Lyrische Prosa

Worum es wirklich geht

Ein alter Mann sitzt über seinen Notizbüchern. Darin stehen Namen, Strassennamen, halbe Sätze. Mehr hat er nicht. Aus diesen Resten versucht er, sein Leben in den frühen Sechzigerjahren wieder zusammenzusetzen.

Der Vater macht damals Geschäfte mit dubiosen Russen auf dem Schwarzmarkt. Die Mutter ist Schauspielerin in Pigalle und hat für ihren Sohn selten mehr als eine knappe Stunde übrig. Der Junge ist mit zwanzig praktisch allein in Paris und läuft kilometerweit durch die Stadt, ohne irgendwo anzukommen.

Dabei begegnet er Frauen. Madeleine Péraud, Spezialistin für Esoterik, teilt mit ihm die Liebe zu bestimmten Büchern und bietet ihm an, bei ihr einzuziehen. Madame Hubersen nimmt ihn abends mit nach Versailles. Fast alle diese Frauen haben einen Hang zum Okkulten, und der junge Mann, der sich gerade Nietzsche gekauft hat, lässt sich gerne anstecken.

Dann kommt die Frau, deren Namen er bis zum Schluss nicht nennt. In einer fremden Wohnung hat sie einen Mann erschossen. Er hilft ihr, die Spuren zu verwischen, und taucht unter.

Fünfzig Jahre später stösst er auf eine alte Polizeiakte. Undurchsichtiger Kriminalfall, steht da. Verwickelt: ein gewisser Jean D.

Die zentralen Gedanken

Modiano schreibt seit Jahrzehnten im Grunde dasselbe Buch, und das ist kein Vorwurf. Es ist eher wie bei einem Musiker, der eine einzige Melodie immer neu variiert, bis sie einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Wer ihn zum ersten Mal liest, wird sich vielleicht fragen, wo denn nun die Geschichte bleibt. Wer ihn kennt, weiss, dass genau das die Geschichte ist.

Das Buch hat 112 Seiten und trägt bewusst keine Gattungsbezeichnung. Kein Roman, kein Memoir, irgendwas dazwischen. Diese Unentschiedenheit ist Programm. Modiano behauptet gar nicht erst, dass er weiss, was damals passiert ist. Er sammelt nur die Teile ein und legt sie nebeneinander.

Mich hat vor allem eine Stelle beschäftigt, an der der Erzähler beschreibt, wie er Namen notiert in der Hoffnung, sie würden wie Magnete weitere Erinnerungen nach oben ziehen. So funktioniert Erinnern tatsächlich. Man hat einen Namen, ein Treppenhaus, einen Geruch, und daran hängt dann irgendwann ein ganzer Nachmittag. Nur dass bei Modiano die Magnete meistens leer bleiben.

Dahinter steht ein Kind, das keine Familie hatte. Der Vater war abwesend und in halbseidene Sachen verwickelt, die Mutter hatte schnell genug. Was bleibt, ist ein Mann, der sich seiner eigenen Vergangenheit immer wieder vergewissern muss, weil ihm sonst niemand bestätigt, dass es sie gab. Das ist der eigentliche Antrieb dieses Buchs, und es macht die Beiläufigkeit des Tons fast schmerzhaft.

Bemerkenswert finde ich auch, wie ruhig Modiano den Krimi behandelt. Da liegt eine Leiche, der Erzähler bekommt eine Waffe zugesteckt, und was er empfindet, ist Gelassenheit. Keine Panik. Bei jedem anderen Autor wäre das ein Bruch. Hier passt es, weil in dieser Welt ohnehin nichts feste Konturen hat.

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer Handlung will, wird enttäuscht. Es passiert wenig, und das Wenige wird nicht aufgelöst. Wer den Kriminalfall im letzten Drittel für ein Versprechen hält, wird ebenfalls enttäuscht, denn Modiano interessiert sich nicht für Aufklärung. Und wer mit atmosphärischer Prosa nichts anfangen kann, wird 112 Seiten lang auf etwas warten, das nicht kommt.

Alle anderen: ein kurzer, stiller Abend, der länger nachhallt als die meisten dicken Bücher.

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