Wir sehen uns wieder am Meer von Trude Teige
Genre: Historischer Roman | Familienroman
Worum es wirklich geht
Bodø, 1944. Eine Stadt, die vom Bombardement kaum noch steht. Birgit Johansen meldet sich dort als Krankenschwester, weil sie weg muss von zu Hause und weg von der Erinnerung an Ilja, ihre erste Liebe, die tot ist. Arbeiten hilft. Solange man arbeitet, denkt man nicht.
Dann trifft sie die Mädchen aus dem Lager. Nadia ist fast noch ein Kind, verschleppt aus der Ukraine, sie schuftet in der Fischfabrik für die Deutschen. Birgit spricht Russisch, deshalb wird sie als Übersetzerin ins Lager geholt. Was sie dort sieht, lässt sich nicht mehr wegarbeiten. Sie fängt an zu helfen. Erst kleine Dinge, dann grössere. Irgendwann ist sie mitten im Widerstand drin.
Auf dem Dachboden des Spitals versteckt sie einen kranken Flüchtling. Sascha. Er wird gesund, er verschwindet Richtung Russland, und Birgit erfährt nie, ob er angekommen ist. Nachfragen wäre lebensgefährlich für beide.
Dazwischen steht Tekla. Das «Deutschenmädchen», das nach dem Krieg von den eigenen Leuten ausgestossen wird. Drei Frauen, drei Arten von Schuld, die keine von ihnen sich selbst ausgesucht hat. Und alle drei kommen sie in Situationen, in denen es keine saubere Entscheidung gibt.
Der Krieg endet auf Seite soundso. Das Buch nicht. Denn dann bekommt Birgit ein Angebot, in Moskau zu arbeiten. Und plötzlich hat sie einen Grund zu suchen.
Die zentralen Gedanken
Teige sagt selbst, sie suche das, was verschwiegen wurde. Das merkt man auf jeder Seite. Die Geschichtsbücher haben die Frauen in diesem Krieg schlicht übergangen, und dieses Buch holt sie zurück, ohne sie zu Heldinnen aufzublasen.
Was mich beschäftigt hat: die Sache mit dem Kollaborieren. Wir reden über diese Zeit immer so, als hätte es zwei Sorten Menschen gegeben. Widerstand oder Verrat. Teige zeigt das Dazwischen. Ein Kollaborateur, der einem Mädchen hilft. Eine Frau, die sich verliebt und dafür jahrzehntelang bestraft wird. Wer will da eigentlich urteilen.
Dann die Frage, die durch alle drei Bände geht: Was reicht man weiter, ohne es zu wollen. Die Enkel wissen nichts, und trotzdem tragen sie etwas mit sich herum. Schweigen wird vererbt. Das ist der eigentliche Motor dieser Reihe, und hier wird er zum letzten Mal angeworfen.
Ehrlich muss ich sagen: Der dritte Band ist nicht der stärkste. Band eins hatte eine Wucht, die hier nicht ganz wiederkommt. Die Figuren bleiben etwas auf Distanz, man schaut ihnen mehr zu, als dass man mit ihnen fühlt. Und der politische Teil in Moskau ist so materialreich, dass die Geschichte kurz ins Stocken gerät.
Trotzdem bin ich froh, dass ich es gelesen habe. Weil ich Tekla nach zwei Bänden nicht einfach so stehen lassen wollte. Und weil Birgits Geschichte am Ende genau die Frage stellt, die man sich als Leser die ganze Zeit verkneift: Hätte ich geholfen.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Wer bei Band eins schon fand, dass Teige zu ruhig erzählt, wird hier nicht bekehrt. Wer Bände eins und zwei nicht kennt, versteht die Handlung zwar, verpasst aber die Hälfte der Wirkung. Und wer historische Romane als Kulisse für eine Liebesgeschichte lesen will, ist falsch, denn hier verliert die Liebe öfter, als sie gewinnt.
Alle anderen: ein leiser, gut recherchierter Schlusspunkt, der einem noch tagelang nachgeht.
