Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry
Genre: Philosophischer Roman | Lyrische Prosa
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“
Worum es wirklich geht
Ein Pilot sitzt in der Sahara fest. Motorschaden, kein Mechaniker, Wasser für ein paar Tage. Er ist tausend Meilen von jeder bewohnten Gegend entfernt und hat gerade sehr konkrete Probleme. Dann steht ein blondes Kind vor ihm und bittet ihn, ein Schaf zu zeichnen.
Das Kind kommt von einem winzigen Planeten. Dort gibt es drei Vulkane, ein paar Affenbrotbäume und eine Rose, die eitel ist, hustet, sich beklagt und trotzdem alles bedeutet. Der kleine Prinz ist gegangen, weil er es mit ihr nicht mehr ausgehalten hat. Unterwegs besucht er andere Planeten und trifft dort lauter Erwachsene, die jeder auf seine Art in einer selbstgebauten Sackgasse festsitzen. Ein König ohne Untertanen. Ein Eitler ohne Publikum. Ein Säufer, der trinkt, um zu vergessen, dass er sich schämt, weil er trinkt. Ein Geschäftsmann, der Sterne zählt und besitzt und nie einen davon angeschaut hat.
Auf der Erde landet er in der Wüste und trifft eine Schlange, ein Feld voller Rosen und schliesslich einen Fuchs. Der Fuchs will gezähmt werden. Und der Fuchs erklärt ihm in einem einzigen Kapitel etwas, wofür andere Bücher dreihundert Seiten brauchen und es trotzdem nicht schaffen.
Saint-Exupéry hat das 1943 im New Yorker Exil geschrieben, als in Europa Krieg war und er nicht fliegen durfte. 1935 war er selbst in der Wüste abgestürzt und hatte dort Tage ohne Wasser überlebt. Man merkt dem Buch an, dass jemand geschrieben hat, der weiss, wie sich Durst anfühlt.
Und dann kommt das Ende. Ich sage nichts dazu. Nur so viel: Es ist ein Kinderbuch, das mit einer Entscheidung endet, die kein Kinderbuch treffen dürfte.
Die zentralen Gedanken
Ich habe das Buch als Kind gelesen und es damals hübsch gefunden. Als Erwachsener habe ich gemerkt, dass ich es beim ersten Mal komplett verpasst habe. Das ist kein Buch über einen niedlichen Jungen mit Schal. Das ist ein Buch über Verlust, und zwar über die Sorte Verlust, an der man selber schuld ist.
Der Satz mit der Verantwortung für das, was man sich vertraut gemacht hat, wird auf Postkarten und Hochzeitsreden benutzt, als wäre er etwas Warmes. Er ist aber unbequem. Er bedeutet, dass Bindung eine Verpflichtung erzeugt, aus der man nicht einfach wieder rausspaziert, wenn es anstrengend wird. Der kleine Prinz ist von seiner Rose weggegangen, weil sie mühsam war. Erst danach begreift er, was er dort gelassen hat. Wer das nie erlebt hat, hat vermutlich noch niemanden richtig nah an sich rangelassen.
Dann diese Erwachsenen auf den Planeten. Beim Lesen lacht man über sie. Ein paar Seiten später merkt man, dass der Geschäftsmann eine ziemlich präzise Beschreibung von Menschen ist, die Zahlen sammeln und nie hochschauen. Ich unterrichte und sehe jeden Tag Kinder, die noch fragen, warum etwas so ist, und Jugendliche, denen man das langsam abgewöhnt hat. Saint-Exupéry beschreibt genau diesen Übergang und er beschreibt ihn nicht nostalgisch, sondern als Verlust einer Fähigkeit.
Was mich am meisten beschäftigt: Das Buch behauptet nicht, dass Kinder besser sind. Es behauptet, dass Kinder eine bestimmte Art zu schauen noch beherrschen, und dass diese Art verlernbar ist. Verlernbar heisst auch: wieder trainierbar. Das Buch ist keine Klage, es ist eine Aufforderung.
Und der Autor selbst ist ein Jahr nach Erscheinen mit seinem Flugzeug über dem Mittelmeer verschwunden. Man hat erst im Jahr 2000 Trümmer gefunden. Das gehört nicht zum Buch, aber es lässt sich beim Lesen schwer wegdenken.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Wer eine Geschichte mit Handlung, Tempo und klaren Antworten will, wird hier ungeduldig. Das Buch fragt mehr, als es beantwortet, und es traut sich, kitschig zu wirken. Wer allergisch auf Sätze reagiert, die auch auf einer Tasse stehen könnten, sollte die Finger davon lassen. Und wer denkt, ein Buch mit Zeichnungen sei automatisch harmlos, wird vom letzten Kapitel unangenehm überrascht.
Alle anderen: neunzig Minuten Lesezeit für etwas, das jahrelang nachhallt.
