Öffnet sich der Himmel - von Seán Hewitt
Originaltitel: Open Up the Heavens
Genre: Coming-of-Age-Roman | Queere Literatur | Gegenwartsliteratur | Lyrische Prosa
Worum es wirklich geht
Auch wenn Gayromanzen nicht zu meinen meistgelesenen Genres zählen, entdecke ich zwischendurch immer wieder Titel daraus. Für mich gehört es einfach dazu, offen für unterschiedliche Geschichten und Genres zu bleiben.
James wächst in einem kleinen Dorf in England auf, auf dem Bauernhof, mit krankem Bruder und einer Familie mit Geldsorgen. Er weiss früh, dass er schwul ist, outet sich und bekommt die Konsequenzen zu spüren. Im Dorf, in der Schule, bei den Eltern. Wahrscheinlich ...
Als ein Freundespaar der Familie einen Neffen aufnimmt, verliebt sich James in ihn. Luke sendet zweideutige Signale, steht aber auf Frauen und sollte nur bis zum Sommer bleiben. Das Buch bewegt sich auf zwei Zeitebenen, 2002 und Gegenwart, und endet offen.
Die zentralen Gedanken
James ist nicht selbstbewusst und ein typischer Overthinker. Er macht sich viele Gedanken darüber, was die anderen über ihn sagen und denken, und versucht mit Krampf, allen zu gefallen.
Die Geschichte zeigt eindrücklich, was Menschen mit geringem Selbstwertgefühl durchmachen: wie viel sie nachdenken, interpretieren und sich anstrengen, nur um gemocht zu werden. Obwohl James wusste, dass er Luke nie haben kann, machte er weiter.
Viele Punkte der Geschichte lassen sich auf Jugendliche übertragen. Das erste Verliebtsein in eine Person, die nicht das Gleiche empfindet. Das Versteckspielen, um nicht entdeckt zu werden. Das übertriebene Nachdenken. Es zeigt aber auch: Die allererste Liebe, auch wenn sie in Brüche zerfällt, verfolgt einen das ganze Leben.
Was mich ausserdem beschäftigt hat: James leidet nicht nur wegen Luke. Er leidet, weil er an einem Ort aufgewachsen ist, wo er nicht sein kann, wer er ist. Das Dorf, die Schule, die Familie, alle tragen dazu bei. Luke ist fast nur der Auslöser.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Wer Spannung, Tempo und eine klare Handlung erwartet, ist hier falsch. Das Buch ist langsam, still und stark nach innen gerichtet, kein klassischer Liebesroman, kein Drama. Eher ein langes Gefühl.
Wer mit sensiblen, verletzlichen Figuren und endlosem Grübeln wenig anfangen kann, wird schnell ungeduldig. Einsamkeit, Begehren und emotionale Abhängigkeit ziehen sich durch das ganze Buch. Das sei hier offen gesagt: Es ist kein leichtes Lesen.
Die Sprache ist literarisch und manchmal fast poetisch. Wer direkte, einfache Sätze bevorzugt, wird sich damit schwertun. Und wer queere Themen grundsätzlich nicht lesen möchte, dann ist es ohnehin nichts.
Alle anderen, die wissen, wie es sich anfühlt, jemanden zu wollen, der einen nicht will: lesen.
