Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Thriller | Coming-of-Age-Roman | Gesellschaftskritik

Worum es wirklich geht

Ein Junge namens Link, sechzehn, haut von zuhause ab. Neuer Stiefvater, kein Platz mehr für ihn, also weg. Was danach kommt, ist keine Abenteuergeschichte. Es ist London, es ist kalt, und die Strasse frisst Menschen wie ihn zum Frühstück.

Link lernt, wie man überlebt. Ein Obdachloser namens Ginger zeigt ihm die Regeln. Wo man schläft, wem man traut, wie man an Essen kommt. Für einen Moment sieht es fast so aus, als könnte Link das schaffen. Dann verschwindet Ginger. Einfach so. Spurlos.

Was Link nicht weiss: In der Stadt läuft ein Mann herum, der sich selbst Shelter nennt. Ein ehemaliger Soldat, der findet, London wäre schöner ohne Obdachlose. Also räumt er auf. Er lockt sie zu sich, freundlich, mit einem warmen Bett, und dann bringt er sie um. Seine Kapitel liest man wie Befehle aus einem Tagebuch. Kalt, ordentlich, wahnsinnig.

Das Buch erzählt beide Seiten abwechselnd. Link, der ums Überleben kämpft. Shelter, der jagt. Und man weiss die ganze Zeit mehr als Link, was das Ganze fast unerträglich macht.

Dann taucht Gail auf. Eine junge Frau, obdachlos wie Link, die ihm nahekommt. Und ausgerechnet an ihr hängt am Ende alles.

Die zentralen Gedanken

Swindells hat für dieses Buch selbst drei Nächte draussen auf der Strasse geschlafen. Das merkt man. Die Kälte in diesem Roman ist nicht ausgedacht, sie ist recherchiert. Und das Erschreckende ist, wie unsichtbar Link für alle anderen wird, sobald er kein Dach mehr über dem Kopf hat. Menschen steigen über ihn drüber. Wortwörtlich.

Der Auslöser für das Buch war ein Satz eines britischen Ministers, Obdachlose seien die Sorte Leute, über die man beim Verlassen der Oper steige. Swindells wurde so wütend, dass daraus dieses Buch entstand. Und diese Wut spürt man auf jeder Seite, ohne dass er je belehrend wird.

Mich hat vor allem der Schluss lange nicht losgelassen. Der Mörder wird gefasst, ja. Aber er sitzt danach im Warmen, drei Mahlzeiten am Tag, ein Bett. Link hat nichts davon. Er bleibt draussen, allein, betrogen. Das ist die eigentliche Bosheit des Buches. Nicht der Killer, sondern die Frage, warum ein Mörder ein Dach bekommt und ein Sechzehnjähriger nicht.

Es ist ein Jugendbuch, klar. Aber es behandelt seine Leser nicht wie Kinder. Es traut ihnen zu, dass sie Ungerechtigkeit aushalten, ohne dass am Ende alles gut wird.

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer ein Happy End braucht, wird hier enttäuscht. Wer Spannung sucht, die folgenlos bleibt, auch. Und wer glaubt, ein Krimi müsse vor allem clever sein, wird merken, dass dieses Buch etwas anderes will als raffiniert zu sein. Es will wehtun.

Alle anderen: lest es. Es ist kurz, hart und bleibt.

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