Schuld und Sühne von Fjodor Dostojewski
Genre: Psychologischer Roman | Philosophischer Roman | Kriminalroman | Literarischer Realismus | Existenzialistische Literatur
Worum es wirklich geht
Dostojewski ist einer meiner Lieblingsautoren. Russische Literatur generell. Und dieses Buch stand einfach zu lange auf der Liste.
Rodion Raskolnikow. Jurastudent. Bitterarm. Lebt in einer winzigen Kammer in St. Petersburg der 1860er-Jahre und hat das Studium längst abgebrochen. Er hat eine Theorie entwickelt: Die Menschen lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die gewöhnlichen, die grosse Mehrheit. Und die aussergewöhnlichen, die Genies, die über die Moral der anderen hinausgehen dürfen, weil sie Grösseres vorantreiben. Napoleon zum Beispiel. Er hält sich für einen von letzteren.
Also tötet er eine alte Pfandleiherin. Mit dem Beil. Geplant, kalt, philosophisch gerechtfertigt.
Das passiert früh. Im ersten Teil. Was danach kommt, ist das eigentliche Buch.
Die zentralen Gedanken
Raskolnikow ist kein Monster. Das macht es so unangenehm.
Er schenkt sein letztes Geld weg. Setzt sich für andere ein. Ist im Grunde ein guter Mensch. Und hat trotzdem zwei Frauen erschlagen. Dostojewski löst diesen Widerspruch nie auf. Er lässt ihn einfach stehen und lässt Raskolnikow daran zerbrechen.
Die Szenen zwischen Raskolnikow und dem Untersuchungsrichter Porfirij sind das Stärkste im ganzen Buch. Beide wissen. Und trotzdem sitzen die beiden zusammen und reden über Philosophie und Kriminalpsychologie wie beim Tee. Katz und Maus, aber man weiss nie, wer die Katze ist.
Die Frage ist nie: Wird er gefasst? Die Frage ist immer: Wann hält er es nicht mehr aus?
Sonja, tiefgläubig, Prostituierte, selbst am absoluten Rand, ist das genaue Gegenteil von allem, was Raskolnikow denkt. Dostojewski setzt das bewusst gegeneinander. Vernunft gegen Glaube. Theorie gegen Menschlichkeit. Am Ende gewinnt Sonja.
Und dann noch das: Dieser Roman entstand 1866 unter extremem Druck. Dostojewski war spielsüchtig, hoch verschuldet, schrieb gleichzeitig einen anderen Roman in 26 Tagen, um einen Verlagsvertrag zu erfüllen. Dass dabei trotzdem eines der grossen Werke der Weltliteratur entstanden ist, sagt alles über diesen Mann.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Der Mord passiert früh. Danach kommt Fieberwahn, innere Monologe und sehr lange Gespräche, die sich manchmal im Kreis drehen. Wer Tempo sucht, ist hier falsch.
Das Buch ist lang. Über 700 Seiten. Man muss sich wirklich Zeit nehmen wollen.
Dostojewski hat einen Hang zur Theatralik. Manche Szenen sind fast zu laut, zu dramatisch. Das gehört zu ihm.
Am Ende steht eine religiöse Läuterung. Wirkt auf manche forciert. Ich finde, man muss das aushalten, weil es zu Dostojewski gehört. Er meinte es ernst.
Alle anderen: Thomas Mann nannte es einmal den grössten Kriminalroman aller Zeiten. Er hatte nicht Unrecht.
