Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Thriller | Psychologischer Roman

Worum es wirklich geht

Ein Nachmittag im Park in Brooklyn. Ein kleines Mädchen weint, ein Bienenstich, der Vater ist überfordert. Sloane Caraway hilft und sagt dabei, sie sei Krankenschwester. Sie ist keine. Aber es rutscht ihr so leicht heraus, dass man ihr sofort glaubt.

Der Vater heisst Jay Lockhart, er hat Geld, ein schönes Haus, eine schöne Frau. Aus Dankbarkeit stellt er Sloane seiner Frau Violet vor. Die beiden Frauen freunden sich an, und als Violet erwähnt, dass sie dringend ein Kindermädchen sucht, greift Sloane zu. Sie passt auf die kleine Harper auf, sie ist plötzlich mittendrin, sie macht sich unentbehrlich.

Dann fängt sie an, Violet zu kopieren. Die Kleidung, die Haare, die Art zu sprechen. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass Violet das merkt und sich distanziert. Violet merkt es. Und sie ermutigt Sloane sogar dazu.

Sloane erfindet weiter kleine Lügen, weil sie den Platz nicht verlieren will. Bis zur Hälfte des Buches denkt man, man kennt das Spiel: unzuverlässige Erzählerin, arme Frau schleicht sich in reiches Leben, das geht schief. Und dann wechselt die Perspektive.

Ab da ist die Frage nicht mehr, ob Sloane auffliegt. Sondern ob sie diesmal die Falschen belogen hat.

Die zentralen Gedanken

Was mich an dem Buch beschäftigt hat, ist nicht der Plot. Es ist Sloane. Sie lügt nicht, um jemandem zu schaden. Sie lügt, um für einen Moment interessanter zu sein, als sie sich fühlt. Das ist ein sehr unangenehm vertrautes Motiv. Fast jeder kennt diese Sekunde, in der man eine Geschichte ein bisschen aufhübscht, weil die echte Version zu klein wirkt.

Stava macht daraus die eigentliche Tragik. Sloane will nicht das Geld der Lockharts, sie will das Gefühl, dazuzugehören. Und weil sie das nie hatte, erkennt sie nicht, wann jemand ihr genau dieses Gefühl gezielt anbietet.

Der Perspektivwechsel ist der stärkste Zug im Buch. Man liest die erste Hälfte plötzlich rückwärts neu. Szenen, die harmlos wirkten, kippen. Das ist handwerklich richtig gut gebaut, auch wenn man es kommen spürt, sobald man einmal misstrauisch geworden ist.

Schwächer finde ich das Finale. Stava hat 350 Seiten lang ein psychologisch ziemlich präzises Buch geschrieben und legt dann noch eine Wendung drauf, die eher aus einem Drehbuch stammt als aus dieser Figurenwelt. Es funktioniert, es ist unterhaltsam, aber es kostet dem Buch etwas von seiner Glaubwürdigkeit. Ich hätte das leisere Ende vorgezogen.

Bleibt trotzdem die Frage, die hängen bleibt: Wie viel von dem, was wir über uns erzählen, ist eigentlich geprüft? Und was passiert, wenn jemand merkt, dass unsere Version brüchig ist, und uns genau da abholt?

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer Thriller mag, in denen am Ende alles sauber aufgeht und plausibel bleibt, wird beim Schlussdrittel die Augen verdrehen. Wer Gewalt und Tempo sucht, ist hier falsch, das Buch ist lange sehr ruhig und lebt von Blicken, Halbsätzen und Selbstbetrug. Und wer unzuverlässige Erzählerinnen inzwischen leid ist, bekommt hier keine Neuerfindung des Genres.

Alle anderen: 416 Seiten, die man in wenigen Abenden wegliest, und eine Hauptfigur, die einem länger nachgeht, als einem lieb ist.

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