Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Kunstmärchen | Gesellschaftskritik

Worum es wirklich geht

Ein junger Köhler steht im Schwarzwald vor seinem Meiler, das Gesicht schwarz vom Russ, und schaut den reichen Männern zu, die am Sonntag im Wirtshaus mit Geld um sich werfen. Peter Munk heisst er, Kohlenmunk-Peter nennen ihn die Leute, und das ist schon fast alles, was man über ihn wissen muss. Er hat die Arbeit seines toten Vaters geerbt und mit ihr die Verachtung des ganzen Dorfs.

Er will raus. Nicht aus dem Wald, sondern aus seinem Ansehen. Also sucht er das Glasmännlein, einen Waldgeist, der jedem drei Wünsche erfüllt, der an einem Sonntag zwischen elf und zwei geboren wurde. Peter ist so einer. Und Peter wünscht sich genau das, was ein junger Mann sich wünscht, der nie gelernt hat, gross zu denken: gut tanzen können und immer so viel Geld in der Tasche haben wie der reichste Mann im Wirtshaus.

Der zweite Wunsch ist eine Glashütte, und den dritten verweigert ihm das Glasmännlein aus Ärger über so viel Kurzsichtigkeit. Es geht schief. Natürlich geht es schief. Peter fehlt der Verstand für das Geschäft, er spielt, er verlottert, am Ende muss er die Hütte verpfänden. Dann geht er zum Zweiten, zum Holländer-Michel, dem riesigen Waldgeist mit dem finsteren Blick. Der macht ihm ein anderes Angebot. Hunderttausend Taler, und mehr, wann immer er will. Dafür nimmt er Peter sein warmes, pochendes Herz aus der Brust und legt ihm einen Stein hinein.

Was dann passiert, ist keine Strafe. Es ist einfach die logische Folge. Ein Mann ohne Herz macht Geschäfte, die ein Mann mit Herz nicht machen würde. Er weist Bettler ab. Er verstösst seine eigene Mutter. Und irgendwann steht er vor seiner Frau Lisbeth, die einem alten Bettler Brot und Wein gegeben hat, und schlägt ihr mit dem Ebenholzgriff seiner Peitsche vor die Stirn. Sie ist sofort tot. Was danach kommt, ist das Kälteste im ganzen Text: ein kurzes Zucken von Reue, dann „Was geschehen ist, ist geschehen“, und die Sorge, ob ihn wohl jemand anzeigt.

Das ist der Punkt, an dem die meisten Märchen aufhören und dieses hier erst anfängt. Denn Hauff lässt seinen Helden nicht einfach büssen. Er lässt ihn zurückgehen.

Die zentralen Gedanken

Ich habe das Buch als Kind gelesen und dachte, es sei eine Geschichte über Geld. Ist es nicht. Es ist eine Geschichte über Scham.

Peter Munk will nicht reich sein. Er will nicht mehr der sein, über den gelacht wird. Der Reichtum ist nur das Mittel, das ihm zur Verfügung steht. Und genau deshalb funktioniert der Text 200 Jahre später noch. Wer heute dreissig Stunden in ein Video steckt, damit unter dem Beitrag Zahlen erscheinen, hat mit Peter Munk mehr gemeinsam, als ihm lieb ist.

Dann dieser Tausch. Hauff macht daraus keine Metapher, sondern eine Operation. Da wird wirklich ein Herz herausgenommen und ein Stein hineingelegt. Das ist brutal wörtlich und deshalb so gut. Denn es beschreibt exakt, wie Verhärtung tatsächlich funktioniert: nicht als Entscheidung, sondern als Zustand, den man irgendwann bemerkt und dann nicht mehr rückgängig machen kann. Peter merkt, dass er nichts mehr fühlt. Er weiss, dass etwas fehlt. Er kann es nur nicht mehr wollen.

Und es steht ein Detail drin, das mich nicht loslässt. Der Holländer-Michel bewahrt die Herzen auf. In einer Kammer, auf Holzgesimsen, in Gläsern mit klarer Flüssigkeit, und an jedem Glas klebt ein Zettel mit einem Namen. Peter liest sie. Der Amtmann. Der dicke Ezechiel. Der Tanzbodenkönig. Sechs Kornwucherer, acht Werbeoffiziere, drei Geldmakler. Die angesehensten Herzen im Umkreis von zwanzig Stunden, säuberlich beschriftet im Regal. Das ist ein Bild, das kein psychologischer Ratgeber je erreichen wird.

Das Ende ist übrigens erstaunlich unbequem. Peter bekommt sein Herz zurück und was ihn dann trifft, ist nicht Erleichterung, sondern Entsetzen. Sein Herz pocht, schreibt Hauff, und nur darum, weil es pocht. Und dann schaut er auf sein Leben zurück wie auf ein Gewitter, das hinter ihm den Wald zersplittert hat. Er wird wieder Köhler, wieder schwarz im Gesicht, und das Glasmännlein sagt ihm den Satz, um den sich alles dreht: die Nachbarn werden ihn mehr achten, als wenn er zehn Tonnen Gold hätte.

Hauff hat den Text im Juli 1827 fertiggestellt und starb im November desselben Jahres, mit 24. Man merkt der Geschichte an, dass sie von jemandem kommt, der es eilig hatte.

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer ein liebliches Gutenachtmärchen sucht, ist hier falsch. Es wird ein Mensch erschlagen, und zwar von der Hauptfigur, und das Buch beschönigt nichts. Wer moderne Sprache braucht, wird sich an den langen Sätzen und den alten Wörtern reiben, da hilft kein Wille. Und wer Figuren mit Tiefe und Innenleben erwartet, bekommt hier Typen, keine Charakterstudien.

Alle anderen: ein Abend, mehr braucht es nicht, und danach schaut man Leute mit teuren Autos anders an.

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