Kein Geld Kein Glück Kein Sprit von Heinz Strunk
Genre: Erzählungen | Gegenwartsliteratur
Worum es wirklich geht
Ein Mann versammelt seine Haushaltsroboter im Wohnzimmer und führt ihnen ein Puppentheater vor. Die Geräte sitzen andächtig da und schauen zu. Das ist keine Pointe, das ist einfach eine von 36 Geschichten in diesem Band, und sie steht ziemlich genau für den Ton des ganzen Buches.
Strunk hat im Juli 2025 bei Rowohlt seinen dritten Erzählungsband veröffentlicht. 192 Seiten, 36 Texte, manche zehn Seiten lang, manche nur eine halbe. Auf dem Cover sind die Wörter Geld, Glück und Sprit durchgestrichen. Übrig bleibt dreimal das Wort Kein. Damit ist eigentlich schon alles gesagt.
Die Figuren heissen Bojan oder Sonja oder Kuno. Bojan ist frühverrentet, seine Verlobte hat sich damit abgefunden, dass er als Mann und Erwerbstätiger nichts taugt. Sonja hat seit einem halben Jahr Schluckauf und beschliesst irgendwann, von der Köhlbrandbrücke zu springen. Eine Frau will sich nur die Nase machen lassen und landet beim komplett falschen Schönheitschirurgen. Am Fischbuffet eines Luxusresorts in Maspalomas führen Rentnerpaare in der Nebensaison Krieg gegeneinander.
Das Personal ist also das übliche Strunk-Personal. Alkohol, Übergewicht, Einsamkeit, Antriebslosigkeit, Sex ohne Freude. Er zeigt diese Leute in ihrer ungeschönten Begrenztheit und bleibt dabei fast immer neutraler Beobachter.
Die Kritik hat gejubelt. Süddeutsche, FAZ, Spiegel, Deutschlandfunk, alle waren begeistert. Ich war es nicht.
Die zentralen Gedanken
Mein Problem mit dem Buch ist nicht der Pessimismus. Ich mag Bücher, die schwarz sind. Mein Problem ist, dass Strunk sein eigenes Verfahren so gut beherrscht, dass es irgendwann leerläuft.
Jede Geschichte funktioniert nach demselben Prinzip. Wir bekommen eine Figur, meist am unteren Rand, meist mit einem kleinen Defekt. Der Defekt wird ausgestellt. Dann kippt es ins Groteske. Dann kommt eine Schlusspointe, die entweder ins Elend führt oder ins fast Versöhnliche. Nach der zehnten Geschichte kannte ich die Mechanik. Nach der zwanzigsten habe ich sie kommen sehen, bevor sie da war.
Dazu kommt etwas, das mich beim Lesen zunehmend gestört hat. Strunk schaut auf seine Figuren herunter. Das wird oft als Milieubeobachtung verkauft, aber die Distanz zwischen Erzähler und Personal ist so gross, dass ich mich beim Lachen unwohl gefühlt habe. Man lacht selten mit diesen Leuten. Man lacht über sie. Bei der Nachbarsfamilie Berger wird das kurz anders, da wird er tatsächlich empathisch, und ausgerechnet dieser Text ist einer der besten im Band. Das sagt einiges.
Was mir gefallen hat: die Sprache. Strunk kann Sätze bauen. Er trifft Tonlagen, für die andere drei Absätze brauchen. Die ganz kurzen Texte, etwa der Zitronenklau im Supermarkt vor Weihnachten auf einer halben Seite, sind formal grossartig. Da ist wirklich Können.
Aber Können allein trägt keine 192 Seiten. Ich hatte am Ende das Gefühl, ein sehr begabter Autor hat 36 Variationen desselben Witzes geschrieben und wurde dafür gefeiert, weil er den Witz erfunden hat. Es fehlt die Entwicklung. Es fehlt der Moment, in dem er sich selbst überrascht.
Vielleicht ist das die ehrlichste Kritik: Ich habe das Buch nicht abgebrochen, aber ich habe es auch nie vermisst, wenn ich es weglegte.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Wer Figuren braucht, mit denen er mitfühlen kann, wird hier nichts finden. Wer Erzählbände am Stück liest statt häppchenweise, wird die Wiederholung spüren. Und wer Strunk schon kennt und auf eine neue Richtung hofft, wird enttäuscht, weil das Buch genau das liefert, was man erwartet, nur eben nochmal. Alle anderen bekommen 36 sauber gearbeitete Miniaturen von einem Autor, der sein Handwerk zweifellos beherrscht.
