Tiefer Fjord von Ruth Lillegraven
Genre: Thriller | Nordic Noir | Psychologischer Roman
Worum es wirklich geht
Ein kleiner Junge wird bewusstlos in eine Klinik in Oslo eingeliefert. Angeblich vom Baum gefallen. Der Arzt Haavard glaubt kein Wort davon, aber der Junge stirbt, bevor irgendjemand irgendetwas beweisen kann. Kurz darauf findet man den Vater des Kindes erschossen im Gebetsraum des Krankenhauses.
Die Polizei tappt im Dunkeln. Fremdenhass? Rache? Beides wäre plausibel, und genau das macht die Sache so unangenehm. Als kurz darauf eine zweite Person erschossen wird, ebenfalls jemand, der auf Haavards interner Liste verdächtiger Eltern steht, gerät der Arzt selbst ins Visier.
Seine Frau Clara arbeitet im Ministerium und kämpft seit Jahren für ein Gesetz, das misshandelte Kinder früher schützen soll. Sie könnte ihm ein Alibi verschaffen. Das Problem ist nur: sie weiss selbst nicht, wo er zur Tatzeit war. Und sie hat ganz eigene Gründe, das Thema nicht zu laut werden zu lassen.
Lillegraven erzählt in sehr kurzen Kapiteln und wechselt ständig die Perspektive. Dazwischen liegen Rückblenden in Claras Kindheit am Fjord, bei ihrem Vater Leif. Man merkt schnell, dass dort etwas begraben liegt.
Und dann passiert etwa in der Mitte des Buches etwas, das man von einem Thriller eigentlich nicht erwartet: die Autorin legt die Karten auf den Tisch. Und macht das Buch dadurch nicht langweiliger, sondern schlimmer.
Die zentralen Gedanken
Das Buch stellt eine Frage, die ich lieber nicht beantworten wollte: Was tut man, wenn das System versagt und man selbst die Möglichkeit hätte, es anders zu regeln?
Haavard führt Listen. Clara schreibt Gesetzentwürfe. Beide kämpfen gegen dasselbe, beide mit legalen Mitteln, beide erfolglos. Der Datenschutz schützt die Falschen, die Bürokratie ist langsamer als die Gewalt. Man liest das und versteht auf einmal sehr gut, warum jemand irgendwann aufhört, Formulare auszufüllen.
Das ist der eigentliche Trick des Buches. Man ertappt sich dabei, dem Täter die Daumen zu drücken. Nicht aus Zynismus, sondern weil die Alternative im Buch so plausibel gescheitert ist. Und dann muss man sich selbst erklären, warum genau das trotzdem falsch bleibt.
Was mich am längsten beschäftigt hat, ist aber gar nicht die Krimihandlung. Es ist die Ehe. Zwei Menschen, die seit Jahren zusammenleben, gemeinsame Kinder haben, dieselben Werte teilen, und die trotzdem nicht wissen, wer der andere eigentlich ist. Haavard recherchiert am Ende über seine eigene Frau wie über eine Fremde. Das ist der unheimlichste Teil des Buches.
Der Titel meint übrigens genau das. Man sieht die Oberfläche und hat keine Ahnung, ob es zehn Meter runtergeht oder tausend.
Ein Punkt noch zur Ehrlichkeit: Lillegraven beschreibt Gewalt an Kindern sehr direkt. Das ist keine Effekthascherei, es hat einen Zweck. Aber es tut weh, und das soll es wohl auch.
Für wen sich das Buch NICHT lohnt
Wer beim Thema Kindesmisshandlung nicht ins Detail gehen will, sollte die Finger davon lassen. Die Klinikszenen sind hart und schonen niemanden. Wer klassische Ermittlerkrimis mag, bei denen ein Kommissar die Fäden in der Hand hält, wird hier ebenfalls fremdeln, denn Lillegraven interessiert sich viel mehr für die Familie als für die Polizeiarbeit. Und wer bis zur letzten Seite raten möchte, muss wissen, dass das Buch die Auflösung früh liefert und danach etwas anderes vorhat.
Alle anderen: einer der besten skandinavischen Thriller der letzten Jahre, und Band eins von drei.
