Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Literarischer Roman | Psychologischer Roman | Lyrische Prosa

Worum es wirklich geht

Eine Hütte am See, irgendwo in der norwegischen Provinz. Das Buch erschien 1957 unter dem Titel «Fuglane» und gilt in Norwegen bis heute als Klassiker. Karl Ove Knausgård nennt es den besten norwegischen Roman, der je geschrieben wurde. Drinnen leben zwei Menschen, die niemanden ausser einander haben. Mattis ist siebenunddreissig und im Dorf nennen sie ihn den Dussel. Seine Schwester Hege strickt Pullover und hält den Haushalt zusammen. So läuft das seit Jahren.

Arbeiten kann Mattis nicht wirklich. Er versucht es, beim Rübenverziehen, beim Holzhacken, aber es geht jedes Mal schief. Dafür sieht er Dinge, die sonst niemand sieht. Ein Blitz, der in eine Espe fährt. Eine Waldschnepfe, die plötzlich ihre Flugbahn über sein Dach legt. Für ihn ist das kein Zufall, sondern eine Nachricht. Er weiss nur nicht, was drinsteht.

Dann wird die Schnepfe erschossen. Und kurz darauf steht der Holzfäller Jørgen in der Hütte und bleibt. Hege lacht wieder. Zum ersten Mal seit Jahren denkt sie an sich selbst.

Mattis merkt sofort, was das bedeutet. Er hat kein Wort dafür, aber er spürt es genau. Also fasst er einen Plan, und was dann folgt, gehört zum Härtesten, was ich seit langem gelesen habe.

Die zentralen Gedanken

Vesaas macht etwas, das eigentlich unmöglich ist. Er erzählt aus dem Kopf eines Menschen, der sich selbst nicht erklären kann, und führt ihn dabei kein einziges Mal vor. Kein Mitleid, keine Rührseligkeit. Mattis ist anstrengend, egoistisch, oft ungerecht zu seiner Schwester. Und trotzdem will man ihn beschützen.

Am meisten beschäftigt hat mich aber Hege. Sie ist die Figur, über die kaum jemand redet. Sie hat ihr eigenes Leben abgegeben, damit ihr Bruder eines hat. Vierzig Jahre alt und schon grau. In dem Moment, in dem sie zum ersten Mal etwas für sich will, wird sie zur Bedrohung. Das ist die eigentliche Grausamkeit in diesem Buch.

Dann die Sprache. Kurze Sätze, viele Wiederholungen, fast keine Erklärung. Man liest die ersten Seiten und denkt, das sei einfach. Ist es nicht. Zwischen den Zeilen liegt alles, was die Figuren einander nicht sagen können.

Und die Vögel. Mattis liest die Welt wie einen Text, in den jemand eine Botschaft für ihn hineingelegt hat. Ich glaube, das ist uns näher, als wir zugeben. Wir tun ständig dasselbe, nur mit besseren Ausreden.

Als Lehrer bin ich an einer Stelle hängengeblieben. Mattis gilt als langsam, weil niemand seine Ordnung versteht. Ich musste an Schülerinnen und Schüler denken, bei denen das genauso läuft.

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer Tempo braucht, wird hier nicht glücklich. Es passiert wenig, und das Wenige passiert langsam. Wer Figuren mag, die sich klar aussprechen und am Schluss verstanden werden, wird das Buch entnervt zuklappen. Und wer ein versöhnliches Ende sucht, sollte ganz die Finger davonlassen. Alle anderen: lesen. Und danach eine Weile still sitzen bleiben.

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