Lesen. Denken. Schreiben.

Genre: Krimi | Klassischer Kriminalroman

Worum es wirklich geht

St. Mary Mead ist eines dieser Dörfer, in denen angeblich nie etwas passiert. Der Pfarrer Leonard Clement sitzt beim Essen, das Gespräch dreht sich um Colonel Protheroe, und irgendwann sagt Clement halb im Scherz, wer diesen Mann umbringe, tue der Welt einen Gefallen. Ein Satz, den man am nächsten Tag lieber nicht gesagt hätte.

Denn genau dann liegt Protheroe tot im Arbeitszimmer des Pfarrhauses. Erschossen. Im Haus des Mannes, der öffentlich gesagt hat, er wäre besser tot.

Das Problem ist nicht, dass es keinen Verdächtigen gibt. Das Problem ist, dass es zu viele gibt. Die Ehefrau Anne, der Maler Lawrence Redding, mit dem sie eine Affäre hat, die Tochter Lettice, der nervöse Hilfsgeistliche, das halbe Dorf. Zwei Personen gestehen die Tat sogar, jede um die andere zu schützen. Inspector Slack ermittelt laut, hastig und in die falsche Richtung.

Und dann sitzt da noch diese ältere Dame im Nachbargarten, die scheinbar nur ihre Rosen pflegt und über Nachbarn redet. Miss Jane Marple. Sie hat in ihrem Leben genug Menschen beobachtet, um zu wissen, dass Leute sich immer gleich verhalten, egal ob es um einen gestohlenen Krug oder um einen Toten geht.

Erzählt wird alles vom Pfarrer selbst. Und das ist der eigentliche Kniff: Der Mann, der am Anfang den unpassenden Satz gesagt hat, führt uns durch die ganze Geschichte.

Die zentralen Gedanken

Ich habe das Buch zweimal gelesen, einmal auf Englisch und einmal auf Deutsch. Die Übersetzung von Irmela Brender ist wirklich gut, sie trifft den Ton und liest sich flüssig. Trotzdem ist das Original für mich klar die bessere Fassung.

Das liegt an Clements Stimme. Der Pfarrer erzählt mit einer trockenen, leicht selbstironischen Höflichkeit, die im Englischen eine eigene Musik hat. Diese Untertreibung, das Ausweichen, das feine Sticheln gegen die eigene Gemeinde. Vieles davon steckt im Rhythmus der Sätze und in Wörtern, für die es im Deutschen kein exaktes Gegenstück gibt. Man kann es übertragen, aber man kann es nicht eins zu eins retten.

Was mich am meisten beschäftigt hat, ist Miss Marples Methode. Sie löst den Fall nicht mit Spuren oder Logik im klassischen Sinn. Sie löst ihn, weil sie Menschen kennt. Jede Person im Dorf erinnert sie an jemanden, den sie schon einmal gesehen hat. Das ist auf den ersten Blick harmlos und beim zweiten Blick ziemlich unbarmherzig. Ihre Grundannahme lautet: Menschen sind selten so gut, wie sie wirken.

Interessant fand ich auch, wie unterschiedlich das Buch über Verbrechen nachdenkt. Der Neffe Raymond West kommt mit Freud und Psychoanalyse an, der Arzt Haydock hält Kriminalität für eine Krankheit, die man irgendwann medizinisch behandeln wird. Und daneben sitzt Miss Marple und behält recht, weil sie schlicht hingeschaut hat. Für 1930 ist das eine erstaunlich freche Setzung.

Christie selbst war später nicht ganz zufrieden. In ihrer Autobiografie schreibt sie, das Buch habe zu viele Figuren und zu viele Nebenhandlungen, der Hauptplot sei aber solide. Sie hat in beiden Punkten recht. Man verliert zwischendurch den Überblick über die Dorfbewohner. Und die Auflösung sitzt trotzdem.

Für wen sich das Buch NICHT lohnt

Wer Spannung im Sinne von Tempo, Bedrohung und kurzen Kapiteln sucht, wird hier ungeduldig. Das Buch nimmt sich Zeit für Klatsch, Teestunden und Nebenfiguren, die man sich schwer merken kann. Wer moderne Ermittlungsarbeit erwartet, Forensik und psychologische Tiefenbohrung, findet stattdessen eine ältere Dame, die aus Gartenbeobachtungen Schlüsse zieht. Und wer Miss Marple als warmherzige Grossmutterfigur im Kopf hat, wird überrascht sein, wie kühl ihr Blick auf Menschen tatsächlich ist.

Alle anderen: Hier fängt eine der besten Ermittlerinnen der Krimigeschichte an, und man merkt es vom ersten Kapitel an.

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